Verschwenderische Genügsamkeit

Verschwenderische Genügsamkeit. Was für ein Wortpaar. Als ich es das erste Mal gegenüber einem Freund erwähnte, war seine erste Reaktion: Ein Oxymoron.

Das Oxymoron

Von einem Oxymoron spricht man bei einer Zusammenstellung zweier sich widersprechender Begriffe. Wir sind alle schon einmal darüber gestolpert. In der Schule, im Studium, in der Werbung oder, wenn wir eine Bestellung bei unserem Lieblings-Asiaten getätigt haben: „Einmal Hühnchen Süß-Sauer, bitte.“

Und natürlich scheinen auch die Begriffe Verschwenderisch und Genügsamkeit im ersten Moment nicht zusammenzupassen.

Unter Genügsamkeit verstehen viele nicht nur Bescheidenheit, und eine zurückhaltende Verhaltensweise, sondern auch Enthaltsamkeit und den Verzicht auf bestimmten Genuss. Im krassen Kontrast dazu steht die Verschwendung. Gerade in der heutigen Zeit hat dieser Begriff einen negativen Beigeschmack und steht für das leichtfertig und allzu großzügige Verbrauchen von Geld, Sachen und Ressourcen.  Wer einen verschwenderischen Lebensstil pflegt, der lebt überaus reichhaltig und üppig. Also, wie passen diese zwei Begriffe zusammen?

Ein Hoch auf den Genuss

Was ist Minimalismus

Wenn man aktuell auf Instagram, Pinterest und YouTube guckt, wird einem sehr schnell auffallen, dass der aktuelle Trend hin zu Minimalismus und Nachhaltigkeit geht. Über Minimalismus gibt es auf Netflix zwei großartige Dokumentationen und auch Nachhaltigkeit erhält immer mehr die dringend benötigte Aufmerksamkeit. Dabei scheint es, als gingen diese beiden Lebensstile stets Hand in Hand. Beim Minimalismus fragt man sich aktiv:

„Was brauche ich wirklich, um glücklich zu sein?“

Es geht nicht darum, seinen Besitz auf eine bestimmte Anzahl von Dingen zu reduzieren oder möglichst in einer leeren Wohnung zu leben. Es geht darum, Platz für die wichtigen Dinge im Leben zu schaffen, und alles auszusortieren, was nicht wichtig oder sogar belastend ist.

Was ist Nachhaltigkeit

Beim Thema Nachhaltigkeit wird der eigene Konsum und der eigene Lebensstil dahingehend optimiert, dass man so ressourcenschonend wie möglich lebt. Es geht darum, seine Handlungen dahingehend auszurichten, um bei der eigenen Bedürfnisbefriedigung die natürliche Regenerationsfähigkeit der beteiligten Systeme zu bewahren

Verschwenderische Genügsamkeit

Bei der „Verschwenderischen Genügsamkeit“ geht es nicht darum, dass man zum Teufel komm raus Geld spart oder gar zum Fenster herauswirft. Es geht nicht darum, seinen Besitz zu minimalisieren oder noch mehr anzuhäufen. Es geht vielmehr um die Balance.

Nachdem ich mich mit den Themen Minimalismus und Nachhaltigkeit auseinandergesetzt habe, musste ich nach mehreren erfolglosen Aufräum- und Wegwerfaktionen a la Marie Kondo erkennen: Ich liebe schöne Dinge. Es macht mich einfach glücklich abends auf der Couch zu sitzen und auf meine Wand voller gut gefüllter Bücherregale zu blicken. Wenn mich dies glücklich macht, wieso sollte ich mich dann auf zwanzig Bücher reduzieren?

Bitte nicht falsch verstehen. Ich reduziere noch immer und es macht durchaus Sinn und Freude, sich nur mit den Dingen zu umgeben, die einen glücklich machen und die man auch benutzt. Aber die Lebensfreude sollte nicht darunter leiden. Nicht jeder ist ein Minimalist. Aber das ist auch nicht schlimm, denn Nachhaltigkeit geht auch, wenn man einen verschwenderischen Lebensstil pflegt – wenn man ihn denn richtig definiert!

Der nachhaltige, verschwenderische Lebensstil

Wir sind den ganzen Tag von Werbung umgeben, egal ob über Fernsehen, Social Media oder durch Freunde und Bekannte, die ohne es zu wissen Wünsche und Bedürfnisse in uns wecken. Daher liegen die Ausgaben eines jeden wahrscheinlich irgendwo zwischen dem, was wir uns leisten können, und dem, was uns unserer Meinung nach zusteht. Dabei ist Geld für jeden gleichbedeutend mit Arbeit und Plackerei (für den einen mehr, für den anderen weniger). Und gerade Studierende kennen das Gefühl, zwischen Studium und Nebenjob hin- und hergerissen zu sein, nur um nach dem Studium mit Bafög-Schulden ins Berufsleben zu starten.

Neu erschaffen, reparieren oder gebraucht kaufen

Die Lösung ist die, dass man das, was man sich finanziell nicht leisten kann, neu erschafft, repariert oder gebraucht für wenig Geld erwirbt. Es gibt mittlerweile unzählige Möglichkeiten, seine Garderobe um sehr schöne Teile zu erweitern, ohne dass man sofort Unmengen an Geld ausgeben, oder in Fast Fashion investierten muss. Eine Capsule-Wardrobe ist zwar schön und gut, aber wenn man sie erweitern möchte, kann man das ruhig tun. Und wenn man dabei auf Second Hand ausweicht, bekommt man zudem die Gelegenheit, einem wunderschönen Stück die Chance auf ein zweites Leben einzuhauchen und zugleich die Umwelt zu schonen. Und wer handwerklich geschickt ist, kann sich so seine Lieblingsstücke auch selbst durch Nadel und Faden aufwerten. So hat man fast ein individuell geschneidertes Maßkleidungsstück für wenig Euro.

Bücher, egal ob für den privaten Lesegenuss oder für das Studium, kann man ebenfalls gebraucht kaufen oder sich in der Bibliothek ausleihen, wenn man schon im vornherein weiß, dass man es später nicht unbedingt im Regal stehen haben muss. Auch kann man sich sogenannten Buchwanderschaften anschließen, bei denen ein Buch nach dem Lesen an die nächste Person weitergegeben wird, so dass es von Person zu Person reist und hoffentlich schöne Stunden schenkt.

Dank des Corona-Lockdowns (egal ob nun Nummer eins, zwei oder fünf), sind wir dazu gezwungen, mehr Zeit in unseren eigenen vier Wänden zu verbringen. Da kann einem die Decke schon einmal auf den Kopf fallen und die Einrichtung an Reiz verlieren. Aber ist das nicht die perfekte Zeit für ein selbstgemaltes Bild, das prominent über das Sofa platziert wird, als hätte man es für mehrere tausend Euro in einer Galerie erworben? Vorhandene Möbelstücke kann man oft mit wenigen Handgriffen und wenig Material upcyclen und zu wahren Einzelstücken verwandeln. Jeder von uns hat mindestens schon einen Ikea-Hack gesehen und dank YouTube und Pinterest sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt aus dem eigenen Möbelkatalog-Zuhause ein Dreamhouse a la Studio McGee zu machen.

Nicht nur Konsum

Aber bei der verschwenderischen Genügsamkeit geht es nicht nur darum, seinen Konsum zu nachhaltigeren und damit günstigeren Alternativen zu verlagern. Sondern sich an seinem Leben aktiv zu erfreuen. Sich bei den ersten warmen Sonnenstrahlen mit seinem zuhause zubereiteten Kaffee auf eine Parkbank setzen und einfach die Leute beobachten? Mit der besten Freundin digitale Mittagspausen abzuhalten oder abends mit dem Liebsten einen Filmabend, inklusive Popcorn, zu veranstalten. Wieso nicht einfach mal den schönen Müßiggang zelebrieren und sich mit einer schönen (bei eBay-Kleinanzeigen erstandenen) Teetasse auf den Balkon setzen und einfach mal das Lieblingsbuch erneut lesen? Oder sich selbst mit einem üppigen Strauß selbstgepflügter Blumen zu beschenken.

Die Balance finden

Bei der verschwenderischen Genügsamkeit findet man die Balance zwischen Luxus und dem Wesentlichen. Statt jeden Tag eine Packung Kekse zu naschen (im Lockdown absolut kein Problem, vertraut mir), einfach mal in die Patisserie gehen und sich ein wunderbares aber sündhaftes Stück Torte kaufen. Oder sich die Mühe machen, seine Bettwäsche zu stärken und aufwendig zu bügeln, nur um abends das Gefühl von Hotelbettwäsche zu haben, wenn man unter das Laken schlüpft.

Ein günstiger Wein schmeckt aus den auf dem Flohmarkt erstandenen Kristallgläsern gleich viel besser und man fühlt sich wie Lady Mary von Downton Abbey.

Wahrer Luxus kostet wenig oder gar nichts – und man muss dennoch auf nichts verzichten. Es reicht, wenn man sich ein wenig mehr darüber Gedanken macht, was man für Prioritäten setzt. Auch dann ist es möglich, sich jederzeit freizügig und dekadent zu verhalten, auch ohne das eigene Budget zu überziehen oder schmerzlich die fehlenden Millionen auf dem Konto zu vermissen.

Verschwenderische Genügsamkeit steht dafür, dass man für sich die Regeln neu erfindet, sich treiben lässt, erschafft und sich entfaltet, ohne die Umwelt und ihre vorhandenen Ressourcen auszubeuten oder auf etwas verzichten zu müssen.


Der folgende Beitrag erschien ursprünglich bei The Dawn of Inspiration in englischer Sprache


Guest Post: Lavish Frugality

The Oxymoron Lavish frugality. What a pair of words. The first time I mentioned it to a friend, he instantly said this is an oxymoron. An oxymoron describes two contradicting terms put together. We have all stumbled upon it before. At school, at university, in advertising or when we have placed an order with our […]

Guest Post: Lavish Frugality — The Dawn of Inspiration


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