Zwei Personen mit Mund-Nasen-Schutz stehen hinter einer Wand aus Folie

Das teure Corona-Studium

Am 1. April startete an Universitäten das 3. sogenannte Coronasemester und ich in mein 4. Mastersemester. Der Master in Germanistik ist in der Regelstudienzeit auf vier Semester angelegt. Allerdings habe ich mich gezwungenermaßen dafür entschieden, tatsächlich auf fünf Semester zu erweitern, da es aufgrund der Coronapandemie (für mich) unmöglich wurde, in der tatsächlichen Regelstudienzeit den Abschluss zu erlangen. Für viele bedeutet eine Verlängerung des Studiums jedoch nicht nur einen verspäteten Start ins Berufsleben, sondern vor allem höhere Kosten.

Während der Coronakrise wurden wir Studierende vergessen

BAföG und Studienkredit

Zwar haben viele Bundesländer, die ja bekanntlich die Hoheit über die Bildung innehaben, die Regelstudienzeit erhöht, aber die Regelungen sind bei weitem nicht einheitlich. In NRW gab es z.B. für alle Studierende, die im Sommersemester 2020 bzw. im Wintersemester 2020/21 an einer Hochschule oder Universität eingeschrieben waren, eine Erhöhung der Regelstudienzeit für jeweils ein Semester. Dies gilt allerdings nicht für die bundesweit als Staatsexamen geregelten-Studiengänge Medizin, Pharmazie und Jura.

Konkret bedeutet das in NRW, dass jene, die von der Erhöhung der Regelstudienzeit betroffen sind, dadurch auch länger BAföG beziehen können. Hierbei ist zu beachten, dass Studierende die Hälfte der in der Regelstudienzeit erhaltenen BAföG-Förderungssumme zurückzahlen müssen, wobei diese Darlehensschuld auf maximal 10.000 € gedeckelt ist. Studierende, die allerdings auf einen Studienkredit zurückgreifen (müssen), müssen den gesamten Kreditbetrag zurückzahlen, inkl. Zinsen, die je nach Bank unterschiedlich sind. Bei der staatlichen KfW-Bank liegt dieser zwar aufgrund der Coronapandemie aktuell bei 0 %, aber andere Banken haben hier nicht nachjustiert. Zudem ist die Rückzahlungssumme nicht gedeckelt. Wer länger studiert, muss mehr zahlen – unabhängig von einer Erhöhung der individuellen Regelstudienzeit.

Krankenversicherungsbeiträge

Auch hat sich eine Verlängerung der Studienzeit aufgrund der Pandemie nicht in der Gesetzgebung für die Verlängerung der studentischen Krankenversicherung niedergeschlagen. Die studentische Krankenversicherung endet gemäß § 5 Abs. 1 Nr. 9 SGB V mit der Vollendung des 30. Lebensjahres. Verlängerungen sind in bestimmten Ausnahmefällen möglich, wie z.B. die Geburt eines Kindes, den Erwerb der Allgemeinen Hochschulberechtigung auf dem 2. Bildungsweg oder bei Mitarbeit in Hochschulgremien. Die Coronakrise fällt jedoch nicht unter „familiäre sowie persönliche Gründe (welche) die Überschreitung der Altersgrenze rechtfertigen“.

Die technischen Voraussetzungen entscheiden über den Anschluss

Wenn man mal ehrlich ist, war das Studium in weiten Teilen, insbesondere in den Geisteswissenschaftlichen Bereichen, antiquiert. Man saß in Hörsälen, die Dozierenden ließen sich von ihren Wissenschaftlichen Mitarbeitern die Powerpoint Präsentation starten und an die Wand werfen und die Studierenden in den Sitzreihen schrieben entweder auf dem Papier mit oder, wenn sie finanziell bessergestellt waren, tippten auf ihren Laptops mit. Nun findet das Studium rein digital statt und dafür benötigt man die richtige Technik. Ein funktionierendes, stabiles Internet und ein entsprechendes Endgerät, auf dem alle nötigen Programme laufen. Nicht jeder hat diese Voraussetzungen. Wer nicht auf ein elterliches Supportsystem und einen finanziellen Rückhalt zurückgreifen kann, muss tief in die Tasche greifen, um sich die technischen Voraussetzungen zu schaffen – oder verliert den Anschluss. Eine Verlängerung der Regelstudienzeit ist kaum abzuwenden. Der ein oder andere entscheidet sich zudem für den Abbruch des Studiums. Gleiche Bildungschancen und gesellschaftliche Teilhabe für alle sieht so definitiv nicht aus!

Ist ein Studium aktuell in der Regelstudienzeit überhaupt möglich?

Aber wie sollen Studierende, die normalerweise in Regelstudienzeit ihr Studium abgeschlossen hätten, dies in Coronazeiten bewerkstelligen?

Die Universitätsbibliotheken waren monatelang geschlossen, eine Arbeit mit Präsenzliteratur unmöglich, die Ausleihe stark eingeschränkt und wenn man Pech hat und an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf studiert, wird mitten im Semester auf ein neues Bibliotheksmanagementsystem umgestellt und eine Arbeit mit Literatur aus dem Magazin ist somit auch nicht möglich. Zwar wurde in den vergangenen Monaten überall in neue eBooks investiert – aber es ist weiterhin nur ein kleiner Teil des regulären Bestands digital vorhanden. Und jeder, der schon einmal eine Hausarbeit schreiben musste, weiß: Ohne Literatur geht es nicht! Keine Literatur, keine Hausarbeit.

Gleichzeitig werden z.B. mündliche Prüfungen auf einen späteren Zeitpunkt verschoben, um eine Prüfung in Präsenz abhalten zu können. Theoretisch wäre eine Prüfung via Zoom zwar möglich, aber nur mit mehreren Kameras, die den Prüfling von mehreren Seiten beobachten und somit gewährstellen, dass keine Täuschung möglich ist. Das ist sowohl für den Prüfling stressig, der sich nicht nur auf seinen gelernten Stoff und die Argumentation konzentrieren muss, sondern auch dafür Sorge zu tragen hat, dass die Technik mitspielt und er aus allen Winkeln gut zu sehen ist. Auf der anderen Seite kann sich die Lehrperson nicht auf einen einzigen Blickwinkel konzentrieren, sondern muss alle anderen Kameraeinstellungen ebenfalls stets im Blick haben.

Die Abgabe der Leistungen wird somit unweigerlich nach Hinten verschoben und verlängert so das Studium. Und jedes Semester kostet. Geld, Nerven und wichtige Berufserfahrung, denn auch Praktika sind in der aktuellen Zeit nur sehr schwer zu absolvieren.  

Ich möchte auf keinen Fall behaupten, dass es absolut unmöglich ist, aktuell in der normalen Regelstudienzeit zu studieren und sicherlich ist das auch vom Fach und der Universität abhängig. Je digitalisierter eine Hochschule und der entsprechende Studiengang ist, desto einfacher ist es. Für manche mag es daher gar keinen Unterschied machen. So kann ich mir vorstellen, dass Fernstudiengänge hier einen großen Vorteil genießen, weil sie schon von Vornherein für die Distanzlehre angelegt sind.

Was heißt das für mich?

Nach langem hadern habe ich mich entschlossen, auch ein Semester länger als geplant zu studieren. Statt vier werden es somit fünf Mastersemester, bis ich meinen Abschluss endlich in der Tasche habe. Durch die Schließung der Bibliothek und den Schwierigkeiten bei der Beschaffung der Literatur hänge ich jetzt schon 2 Monate hinter meinen Zeitplan hinterher. Aber was nicht machbar ist, ist halt nicht machbar. Und gerade für die Studierenden, die dadurch finanziell immer mehr unter Druck geraten, hätte ich von der Regierung mehr erwartet: Finanzielle Lösungen, die nicht auf ein Darlehen beruhen, eine praktikable Regelung für die studentische Krankenversicherung und echte digitale Lösungen für Prüfungen sowie Hausarbeiten.

3 Antworten auf „Das teure Corona-Studium

  1. 👏👏👏👏👏👏👏👏👏👏👏
    Super Beitrag!

    Wir wurden komplett vergessen und die kleinen „Hilfen“ die es gibt helfen auch nur was, wenn man eben die Kredite in Anspruch nimmt! Viele Studierende sind schon vor der Pandemie nicht mehr Bafög berechtigt gewesen, und müssen jetzt jeden Monat für die Überbrückungshilfe den Stress durchmachen, ob sie diese weiter gezahlt bekommen oder nicht! Keine klaren Linien!

    Gefällt 1 Person

    1. Exakt! Es fühlt sich an, als würden Politiker davon ausgehen, dass Studierende IMMER auf die finanzielle Unterstützung der Eltern zurückgreifen können. Die Universitätsprofessorin Monika Sieverding schrieb letztens sogar im Spiegel, Studierende sollen ruhig 2 Semester länger studieren: „Holen Sie das nach, was Sie jetzt verpassen – die Präsenzkurse, die Praktika und auch die Partys. “ Ja… das lässt sich so einfach sagen, wenn man nicht den finanziellen Druck im Nacken spürt.

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