Das digitale Semester: Aus Sicht eines Dozenten – Teil I [Gastbeitrag]

Bereits mehrfach wurde an dieser Stelle schon über das digitale Semester geschrieben, allerdings immer nur aus Sicht der Studierenden. Dabei ist es nicht nur für die Studierenden eine herausfordernde Situation, sondern auch für die Dozenten. Daher habe ich meinen Mann, der u.a. als Jura-Dozent tätig ist und ebenfalls seit April 2020 im digitalen Unterricht sitzt, gebeten, seine Sicht der Dinge zu beschreiben:


Das digitale Semester – Aus Sicht eines Dozenten

Es gibt keine „andere Seite“, kein „hinter dem Lehrerpult“, kein „vor den Studierenden stehen“ – Was zur Hölle soll uns Dozierenden denn noch Halt geben?

Nun, eine gewisse Anpassungsfähigkeit sollte von uns Dozierenden wohl erwartet werden. Wir müssen ohnehin in jedem Lehrturnus (sei es das Jahr, das Semester oder irgendein anderer Zeitraum) unsere Materialien und Didaktik neu überprüfen, uns auf neue Veranstaltungen und neue Studierende einstellen, aktivierende Lehrmethoden einbauen und möglichst ohnehin eine möglichst hohe individuelle Lernbegleitung bieten.

Was aber macht ein Dozierender gemeinhin, wenn der Ort der Lehrtätigkeit, namentlich vom Hörsaal oder Seminarraum, in das heimische Arbeitszimmer geändert wird?

Grob gesagt, gibt es zwei Möglichkeiten: Man passt sich der Situation an und macht das Beste aus der Situation – oder man verweigert sich vollständig.

Als absehbar war, dass Lehrbetrieb möglicherweise bald schon aus der Ferne abgehalten wird – zufällig ungefähr im April des Jahres 2020 – habe ich mich intensiv mit den Möglichkeiten der Lehrtätigkeit aus der Ferne beschäftigt, die meines Erachtens durchaus einige Vorteile bringt.

Punkte rund um den digitalen Lehrbetrieb:

Die Kamera

Die Kamera war verhältnismäßig trivial. Ich hatte mir ohnehin einen neuen Laptop gekauft, der nur der Arbeit gewidmet sein sollte, welcher eine ganz ordentliche Kamera eingebaut hatte. Ansonsten hatte ich noch eine externe Kamera mit einer durchschnittlichen, aber ausreichenden Qualität. Als Bonus kann ich die externe Kamera entweder dorthin platzieren, wo das Bild gut ist, oder aber sie als Dokumentenkamera nutzen und als zweites Bild freigeben.

Klar war damit aber auch, dass die Tonqualität extrem leiden würde, wenn Laptop oder externe Kamera die Tonarbeit übernähmen.

Der Ton – Das Mikrofon

Hier war ich unschlüssig. Einerseits gefiel mir die Möglichkeit, ein echtes Kondensator-Mikrofon zu nutzen, welches die Stimme schön warm erscheinen lässt, wenn man näher herangeht. Andererseits wollte ich die gewisse Einfachheit eines Headsets oder Lavalier-Mikrofons nicht außer Acht lassen. Am Ende habe ich mir sowohl ein verhältnismäßig günstiges Kondensator-Mikrofon gekauft, welches quasi sprechertauglich ist, als auch ein professionelles, aber noch günstiges, Kabel-Headset. Letzteres mag meiner Eitelkeit geschuldet sein, aber meine Silhouette in der Kamera sieht sehr alien-artig aus.

Das Licht

Das Phänomen „Weißabgleich“ führt bei der Kamera dazu, dass bei gewissem Lichteinfall bestimmte Bereiche des Kamerabildes abgedunkelt und manche aufgehellt werden. Also experimentierte ich auch noch mit einem Ringlicht (wahnsinnig nervig) und zwei Softboxen, die man eher in einem professionellem Fotostudio finden würde. Diese haben einen Aufsatz, mit dem das helle, direkte Licht einer großen LED-Birne „weich“ wird und keine Schlagschatten auf dem Gesicht platziert. Angesichts der Optik meiner Nase habe ich mich sodann für diese Option entschieden und lasse mein Gesicht während des Lehrbetriebs nun von zwei Seiten ausleuchten. Mein Nasenrücken erschien mir am Ende eines Lehrtages eher als kleines Problem: Er war im Spiegel von zwei dunklen Flecken in meinem Sichtfeld verdeckt.

Die Kleidung

Fühlen wie ein Nachrichtensprecher: Oben hui, unten pfui. Habe ich zu Beginn der Pandemie noch mit vollständigem Hörsaal-Outfit referiert, sind die Teilnehmer*innen nun froh, wenn ich ein Hemd anhabe. Bonuspunkte, wenn es nicht fleckig und halbwegs gebügelt ist.

Die Internetleitung

Während ich es in Zeiten von vergangenen Vertragswechseln wahnsinnig dekadent fand, plötzlich mehrere Internetanbieter zu haben, erscheint einem dieses, wenn man auf diese Leitungen angewiesen ist, plötzlich völlig normal: Die redundante Internetleitung per DSL und Kabel.

Die Verfügbarkeiten der allermeisten Internetprovider werden mit Nachkommastellen von 99,irgendwas Prozent gemessen. Wenn diese 0,00irgendwas Prozent aber genau während der Veranstaltung Probleme verursachen, wünscht man dem Anbieter Tod und Teufel an den Hals. Obwohl der, zugegebenermaßen, sogar in den seltensten Fällen etwas dafür kann.

Und so bleibt meine DSL-Leitung (DSL mit 50 Mbit/s) bei einem Reseller ein Single Point of Failure, der mich bisher in entscheidenden Momenten nicht im Stich gelassen hat. Im Zweifel muss ich mein Smartphone als LTE+-Hotspot nutzen, dessen Bandbreite ausreichen könnte.

Die heimischen Möbel – Oder auch: Der Hintergrund

Zu Beginn der Veranstaltungen habe ich mich mit meinem neuen Schreibtischstuhl (mit knapp 600 Euro nach dem Laptop das wertvollste Equipment, nicht nur finanziell…) vor meine Bücherwand gesetzt, um akademisch zu wirken. Dann wechselte ich auf eine weiße Wand mit ein paar Fotografien, nunmehr sitze ich im Arbeitszimmer mit Spielzeugen im Hintergrund. Solange das Hauptmotiv im Vordergrund ist (richtig: Mein Nasenrücken), ist das auch kein Problem. Nur die Greenscreen-Technik funktioniert auf diese Weise schlecht.

Ablenkungen und Störgeräusche

Kinder? Tiere? Der Wäschetrockner? Sexuell aktive Mitbewohner?

Das ist alles bei mir weniger ein Problem. Die allermeisten Geräuschquellen, die (tagsüber) auftreten, kann ich ausschalten. Alles, was von draußen kommt, nehme ich so hin. Das wäre in einem Präsenzraum ja nicht anders (Endgegner: Die Müllabfuhr). Auch bei den Lernenden habe ich hier bisher wenig wirklich Störendes erlebt. Solange das Mikro ausgeschaltet ist (Push to Talk ist für Studierende wirklich zu empfehlen), bekommen die anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmer das ohnehin nicht mit. Und wenn Kinder in der Videokonferenz mitgucken und Fragen stellen, kann das bisweilen ja auch unterhaltsam sein 😊

Das Roulette der Videokonferenz-Apps

Viele Universitäten, Hochschulen oder auch große Arbeitgeber haben sich mehr oder weniger für einen Anbieter und eine Plattform entschieden.

Im schulischen Bereich wird gerne iServ benutzt, welches aufgrund der „eigenen“ Server gerne mal bei hoher Auslastung zusammenbricht.

Auch Skype for Business nutze ich häufig, vor allem für interne Aus- und Fortbildung, ist aber für irgendwelche externen Teilnehmer eigentlich nicht gedacht. An Microsoft Teams habe ich mich bis heute nicht gewöhnen können, obwohl ich mich als technikaffin bezeichnen würde und Microsoft-Produkten generell nicht abgeneigt bin (Age of Empires – schonmal gehört? 😉 )

Zwischen Zoom, BigBlueButton und Cisco WebEx ist der Unterschied gefühlt nicht so wahnsinnig groß. Zoom gefällt mir aufgrund der einfachen Präsentationsmöglichkeiten, der zuverlässigen Technik und der Möglichkeit, sich auch per Telefon dazuzuschalten, bisher am Besten und ist sogar in der kostenlosen Variante mit Trennung nach 40 Minuten durchaus sinnvoll zu gebrauchen.

Naja, und dann gibt es noch die Lehrinstitute, die keine irgendwie geartete Lösung anbieten und den Dozierenden die Wahl lassen, welche Videokonferenzplattform sie wählen. Innerhalb eines Jahrgangs o.ä. müssen die Lernenden sodann fast alle oben aufgelisteten Plattformen bedienen können. Unglücklicherweise gehöre ich genau zu einem solchen Institut. Ich nutze die von den Kolleginnen und Kollegen ebenfalls am häufigsten gewählte Plattform, um eine „Sonderlösung“ zu vermeiden.

Vor dem datenschutzrechtlichen Desaster, den das verursacht, verschließe ich im Übrigen tatsächlich die Augen. Sorry, liebe Lernenden, irgendwo hat auch mein Perfektionismus Grenzen.

Digitale Helferlein

Was kann man denn noch tun, um einen Lehrbetrieb so aktivierend wie möglich zu gestalten?

Viele Dinge funktionieren in Präsenz sehr einfach, wie zum Beispiel die „Wand der Ideen und Erwartungen“, die mit Ideen und Erwartungen an die Veranstaltung zu Beginn aufgestellt wird, und von dem dann im Laufe der Zeit Erwartungen „abgehakt“ werden o.ä. Hierfür braucht es taugliche Tools, die man auf Anhieb nicht in den Videokonferenz-Tools findet. Viele Webseiten werden nahezu geheimnisvoll von Lehrperson zu Lehrperson, von Coach zu Coach weitergegeben als „Aktivierung für noch das faulste Publikum“ (Kein Scherz, genau so in offiziellen Schulungsunterlagen angepriesen).

Eines davon möchte ich hier vorstellen: Das Mentimeter.com. Es kann interaktive Präsentationen mit Texten, Statistiken oder Bildern anlegen. Man kann auf diese Weise Erwartungen abfragen, live Statistiken oder sogar Quizze erstellen. Auf der Webseite ist eine kleine Demo versteckt. Probieren Sie es mal aus und überraschen Sie bei ihrem eigenen großen Auftritt damit 😉

Ansonsten bleiben viele Dinge ungelöst: Wie kann Gruppenarbeit organisiert werden? Wieviel „Eigeninitiative“ kann angesichts technischer Hürden erwartet werden? Welche Stoffmenge ist angemessen? Wie ist und bleibt eine Videokonferenz „interessant“?


Dieser Frage widme ich mich im Teil II dieses Gastbeitrags.


Hinterlasse mir einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s