Stereotypen und die Bedeutung von Repräsentation [Gastbeitrag]

Ayleen machte 2021 ihren BA in Soziale Arbeit und ist aktuell im Social Media Team vom Andersraum e.V. in Hannover, einem Verein von/für queere Menschen in Hannover, tätig. Insbesondere macht sie sich in der Empowerment- und Antidiskriminierungsarbeit sowe in der Politischen Bildung stark. Zudem startet sie Ende des Jahres eine Ausbildung zur Diversity Trainerin.


Wer wird benannt?

Eine These zum Anfang: Menschen sind vielfältig und besonders in globaler Betrachtung. Diese Diversität ist auch grundsätzlich positiv, bereichernd und machen das Leben erst interessant. Logischerweise ist Vielfalt jedoch nicht gleichmäßig verteilt; individuelle Konflikte, geographische Gegebenheiten, technischer Fortschritt, historische Entwicklungen (bspw. Kolonialismus) führten und führen dazu, dass gewisse Ausgestaltungen dieser Vielfalten in einigen Teilen der Erde häufiger auftreten als in anderen.

Wenn ich einfach nur „der Mensch“ sage, ein einzelner Mensch – an was für eine Art Mensch denkt ihr? Ist dieser weiblich oder männlich? Dünn oder dick? Lange oder kurze Haare? Gebildet oder ungebildet? Behindert oder nicht? Heterosexuell oder homosexuell?

Lebt mensch heutzutage in Europa, so ist die Wahrscheinlichkeit bspw. sehr hoch, dass mensch selbst einer christlichen Religion angehört oder zumindest die Gesellschaft um die eigene Person herum sehr christlich geprägt ist. Höchstwahrscheinlich haben die meisten Menschen hier auch eine hellere Hautfarbe – das ist die Norm. So zeigt sich schon hier, dass „normal“ kein Fakt ist, sondern eine Wahrnehmung dessen, was „richtig“ ist.

Der sogenannte „Norm-Menschen“ beschreibt einen Menschen mit Attributen, die als Norm verstanden werden: Weißsein, physische und psychische Gesundheit, Heterosexualität, christliche und westliche Sozialisation sind nur einige jener Aspekte, die demnach als „erstrebenswert“ gelten. Sie verleihen Privileg, denn jedwede Abweichung bedeutet Diskriminierungspotential für das Individuum; gerne auch intersektional, d.h. im Zusammenspiel zweier oder mehrerer Diskriminierungsformen.

Gucken wir mal auf das Beispiel „Schimpfwörter aufgrund des Geschlechts“: Wie viele Schimpfwörter kennt ihr für Frauen? Schlampe? Zicke? Fotze, Emanze, Tussi, Hure, Hexe, Nutte, Feminazi, Rabenmutter, Mannsweib – tut euch sich keinen Zwang an, die Liste zu erweitern. Was viele Schimpfwörter kennt ihr für Männer? Muttersöhnchen? Rabauke? Tunte, Wichser? Ist „Schwein“ überhaupt ausschließlich für Männer? Und ist „Macker“ eher ein Schimpfwort oder ein Kompliment?

Grobes Fazit ist, dass das „Normal“ deutlich weniger Angriffsfläche hat und wenn Beleidigungen vorliegen, dann tendenziell weniger häufig und weniger schwerwiegend. Ähnlich verhält es sich mit allen anderen Diskriminierungsformen: Schimpfwörter für queere Personen vs. heterosexuelle, behinderte vs. nicht-behinderte, weiße Hautfarbe vs. jedwede andere Hautfarbe. Der Norm-Mensch eckt nicht an, ist in sich für das Norm-Mensch-Publikum nicht kontrovers und eben das: Normal. So ist er auch meist Darsteller und Held in Film und Fernsehen.

Kübra Gümüşay behandelt in ihrem Buch „Sprache und Sein“ nach eigener Aussage die „Wechselbeziehungen zwischen Sprache und politischer Unmenschlichkeit“ (Gümüşay 2021: 25). Sie arbeitet heraus, inwiefern Sprache die Wahrnehmung von „Wirklichkeit“ beeinflussen kann und zwar sowohl in erweiternder, als auch begrenzender Art und Weise.

Die beiden Gruppen, die Norm-Menschen und „die Anderen“, benennt Gümüşay in einer gelungenen Metapher (vgl. 2021: 53-55) als die Unbenannten und die Benannten: Die Unbenannten gehören der Norm an, sie unterliegen keinen strukturellen Diskriminierungen und müssen keinerlei „Anderssein“ gegenüber der Gesellschaft erklären, geschweige denn sich selbst hinterfragen. Sie sind gut, so wie sie sind. Ihnen gegenüber stehen die Benannten, denen all jene Selbstverständlichkeit nicht zugestanden werden: Ihr „Anderssein“ wird von den Unbenannten hervorgehoben und sie haben sich ihre Akzeptanz TROTZ jener Aspekte zu erkämpfen, müssen sie erklären und (wenn möglich) ablegen, sich an dem Normmenschen orientieren. Lieblingsfrage von jeder einzelnen Person, die nicht weiß ist oder der jedwede andere vermeintliche Ethnie oder nationale Herkunft als „Deutsch“ angedichtet wird, obwohl sie in Deutschland aufgewachsen und erzogen wurde: Und wo kommst du her? Dies kostet Betroffene nicht nur tagtägliche Anstrengung, sondern raubt sie auch ihrer individuellen Entfaltungsfreiheit und Selbstständigkeit, da sie grundsätzlich als Außenstehende verstanden und behandelt werden (wenn nicht Schlimmeres).

Es zeigt sich hier ganz explizit: Es ist sowohl entscheidend was gesprochen wird, als auch wie und von wem – sowie von wem nicht. Wenn eine Facette nicht als normal gilt, so wird sie auch als „anders“ dargestellt und wahrgenommen – in einem ewigen Kreislauf. Ob im Fernsehen, in der Politik oder im eigenen Freundeskreis. Und je weniger mensch Vielfalt kennt, desto einfacher ist die Entmenschlichung der Benannten. Gucken wir uns ein Beispiel an: Die (Mis-)Repräsentation von Trans*Personen.

Entwicklung eines Stereotyps: Historischer Abriss zur Repräsentation von Trans*-Personen in der Popkultur

Zunächst sei eine kurze Begriffsbestimmung von Trans*-Identität gegeben, vor dessen Hintergrund anschließend die filmische Repräsentation betrachtet wird: Das ICD-10 beschreibt Trans*-Identität (dort „Transsexualität“[1] genannt) als Wunsch, „als Angehöriger des anderen anatomischen Geschlechts zu leben und anerkannt zu werden. Dieser geht meist mit dem Gefühl des Unbehagens oder der Nichtzugehörigkeit zum eigenen Geschlecht[2] einher. Es besteht der Wunsch[3] nach hormoneller und chirurgischer Behandlung, um den eigenen Körper dem bevorzugten Geschlecht soweit wie möglich anzugleichen.“ Der Konflikt zwischen dem biologischen und dem empfundenen Geschlecht führt häufig zu inneren Widersprüchen und Leidensdruck, die sich u.a. in allgemeiner Unzufriedenheit mit den körperlichen Geschlechtsmerkmalen bis hin zum Suizid äußern können (die Suizidrate bei trans*-identen Personen liegt bei 15%). Auch soziale Isolation, Depression, Ängste, Aggressionen oder selbstzerstörerisches Handeln können Folgen sein (vgl. Vetter 2010: 62-63 u. 170-171).

Als Benannte zeichnen sich Trans*-Personen also dadurch aus, dass sie ihre mit der Geburt (d.h. extern) zugewiesene geschlechtliche Rolle bzw. die Präsentation, die mit dieser einhergeht (in der Heteronormativität bspw. männlich = dominant, weiblich = unterwürfig), ablehnen. Der Norm-Mensch ist hingegen biologisch männlich und nimmt diese Rolle auch an.

Als Fazit ist (vor dem in Kürze folgenden Kontext) hervorzuheben, dass bei Trans*-Identität die eigene Persönlichkeit und deren Entwicklung im Kontrast zu heteronormativen Erwartungen der Gesellschaft (in Bezug auf das Geschlecht) im Fokus steht; auch spielt Sexualität (zunächst) eine untergeordnete Rolle[4].

Die Anerkennung der trans*-geschlechtlichen Identität (sozial, juristisch, etc.) hat sowohl in den USA, als auch in Deutschland einen langen Weg hinter sich. Während Homosexualität 1973 aus dem DSM, 1991 aus dem ICD-10 gestrichen wurde und somit nicht mehr als Krankheit galt, wird Trans*-Identität bis heute noch pathologisiert[5] und teils mit Sexualität (speziell Fetischismus[6]) in Zusammenhang gebracht, statt einer Identität. Hier soll nicht weiter diskutiert werden, inwiefern eine (teilweise) Pathologisierung sinnig oder diskriminierend ist, jedoch rahmt diese noch aktuelle Grundlage die Sicht auf Trans*-Personen als etwas „anderes“. Trans*-Identität sei konkret negativ beeinflussend (ob für die eigene Person oder die Gesellschaft wird sich noch herausstellen), aber auch veränderbar – nämlich als Krankheit „heilbar“.

Ellis (2021: 12‘47“ – 15‘27“) arbeitet heraus, dass Cross-Dressing[7] besonders in Film zur Visiotypisierung (visueller Stereotyp) von Trans*-Personen wurde/wird, besonders zur Betonung von Assoziationen mit Betrug oder Täuschung. Historisch gesehen überwiege jedoch die Darstellung von crossdressenden Cis-Männern als neutral oder komödiantisch; Ellis zitiert Popkultur- und Literatur-Beispiele wie die Ilias, Shakespeares Komödie „Was ihr wollt“ oder den 1959 Film „Manche mögen’s heiß“. In all jenen Beispielen ist jedoch die „wahre Identität“ der Protagonisten dem Publikum nicht verborgen, weshalb keine Böswilligkeit impliziert wird (natürlich auch im Zusammenspiel mit dem jeweiligen Inhalt). Ist die Offenbarung des „wahren Körpers“ der Akteure jedoch mit Schock und Horror verknüpft, so ist die Sinn-Induktion negativ gelagert:

Der 1960 erschienene Alfred Hitchcock Film „Psycho“ wurde offen durch den in den 1950er Jahren aktiven Mörder bzw. Grab- und Leichenschänder Ed Gein inspiriert. In der Öffentlichkeit wurde besonders über Geins Motive spekuliert; Es wurde allgemeiner Konsens, dass eine Verknüpfung zwischen seiner sozialen Isolation aufgrund seiner Mutter und den Opfern, die ausschließlich Frauen waren, bestehe, sowie der Tatsache, dass Gein aus den Körpern seiner Opfer diverse Möbel und Kleidungsstücke fertigte (vgl. Welt.de 2014). Im zuvor genannten Film besteht der bekannte Höhepunkt aus der Enthüllung, dass der männliche Protagonist Norman Bates in Wirklichkeit ein Serienmörder ist – in Frauenklamotten.

„We fail to read the serial killer accurately because he is an embodiment of‚ society’s dominant values‘. As a culture we are so unable to admit or recognize the connection between our dominant forms of masculinity and violent misogynistic crimes that we must attribute some other kind of motive to them besides masculinity. Instead, motive is attributed to perceived gender deviance, in particular,  to men coveting or assuming the mantle of femininity through gender identification or homosexual object choice.“

(Richard Tithecott 1998: Of Men And Monsters: Jeffrey Dahmer And The Construction of the Serial Killer, zit. nach Ellis 2021: 21’58“ – 22‘23“)

Ähnliche Aufdeckungen und Motive finden sich u.a. im 1991 Film „Das Schweigen der Lämmer“ durch den Serienmörder „Buffalo Bill“ – oft ausschließlich mit weiblichen Opfern. Aber auch ohne die tödliche Komponente wird besonders der Körper trans*-identärer Menschen als Witz missbraucht (besonders von Trans*-Frauen), wenn er nicht zu den gesellschaftlichen binären Erwartungen passt, oder die Trans*-Person als „Lügner*in“ dargestellt, da sie „über ihren wahren Körper gelogen“ hat[8] – meist begleitet von der expliziten Darstellung des Ekels der „ausgetricksten“ cis-Männer, die zuvor Interesse an der Person zeigten (vgl. Ellis 2021: 26‘50“ – 34‘46“).

Die US-Amerikanische Non-Profit Organisation GLAAD (Gay & Lesbian Alliance Against Defamiation) analysierte die Darstellung von Trans*-Personen in US Filmen und Serien zwischen 2002 und 2012 und fand, dass sie in 21% der Fälle als Mörder*innen und/oder allgemeine Bösewichte auftraten und in fast einem Fünftel als Sexarbeiter oder Prostituierte arbeiteten (in absoluten Zahlen die häufigste Profession von Trans*-Charakteren) (vgl. GLAAD o.J.).

Der hier versuchte historische Abriss ist sehr verkürzt und oberflächlich, jedoch zeigt sich durchaus, dass Trans*-Personen häufig negativ dargestellt werden; als gefährlich für ihre Außenwelt bzw. die Gesellschaft und als nicht vertrauenswürdig, sowie empathielos. Selbst queere Filme, denen mensch mehr Mitgefühl und Sensibilität zutrauen könnte, laufen Gefahr in diese Stereotypen hineinzuspielen, wenn sie in den heterosexuellen Mainstream geraten (so bspw. der crossdressende Mörder Frank-N-Furter in „The Rocky Horror Picture Show“).

Terf Wars oder: Wie J. K. Rowling lernte, Transphobie zu lieben

Nachdem der Autorin J. K. Rowling Ende 2019 öffentlich transphobische Gesinnung vorgeworfen wurde[9], veröffentlichte sie am 10. Juni 2020 auf ihrer eigenen Website das Essay „J.K. Rowling Writes about Her Reasons for Speaking out on Sex and Gender Issues“ und bewarb es auf Twitter mit dem unoffiziellen Titel „Terf Wars“ (vgl. Rowling 2020).

„TERF“ ist ein Akronym für „trans-exclusionary radical feminist“, d.h. ein Feminismus, der nicht nur auf die Gleichstellung der gesellschaftlichen Rollen der Geschlechter fokussiert ist, sondern der besonders auf der Betrachtung angeblich biologischer „Gegebenheiten“ fußt. Der Aspekt der Trans*-Exklusion findet sich somit in der Auffassung, dass das biologische Geschlecht die Persönlichkeit derart stark und eindeutig binär prägt, dass Trans*-Identität keinerlei internen, sondern externer Faktoren entspringt – Trans*-Personen sind somit wahlweise Opfer oder Täter:

Trans*-Männer seien somit „biologische Frauen“, die Opfer von gesellschaftlichen Geschlechterstereotypen sind und aufgrund von Frauenfeindlichkeit in „das andere Geschlecht“ flüchten. Trans*-Frauen hingegen gelten als Männer, die sich lediglich als Frau ausgeben, um in Frauenschutzräume (bspw. Frauenhäuser, Frauengruppen oder auch Frauentoiletten) einzudringen und „echte Frauen“ bedrohen zu können (vgl. Giese 2019). Parallelen zur populären negativen Darstellung von „Cross-Dressing“ (im Gegensatz zu Trans*-Sein) sollten ersichtlich sein.

An dieser Stelle sei auch zu erwähnen, dass „TERF“ klassisch keine Selbstbezeichnung ist, sondern eine negative Fremdzuschreibung, die die Ausgrenzung der Ideologie kritisiert – verbreiteter ist die Eigenbezeichnung als „radikale*r Feminist*in“. Rowling kritisiert in ihrem Essay die Vorwürfe gegen sie, sowie die Bezeichnung als „TERF“ als frauenfeindlich, da sie sich als Feministin sieht, die für Frauenrechte – und Trans*-Rechte! – eintrete.

Dieser Artikel ist zu kurz, um Rowlings gesamte Argumentation auseinander zunehmen, doch werden folgend einige Schlüsselaspekte beleuchtet, die offensichtliche Parallelen mit der TERF Ideologie haben, welche wiederum stark an die zuvor beleuchtete „Repräsentation“ von Trans*-Identität erinnert.

„Ironically, radical feminists aren’t even trans-exclusionary – they include trans men in their feminism, because they were born women.“ (Rowling 2020)

Rowling lässt durchscheinen, dass das biologische Geschlecht ausschlaggebend ist und bezieht sich im angeführten Zitat ausschließlich auf Trans*-Männer und Feminismus ausschließlich als einer Bewegung für ein Geschlecht, das weibliche, statt auf den Vorteil für die gesamte Gesellschaft – es zeigt sich die Frau als Opfer, das sich verteidigen muss. Diese Grundlage zieht sich durch das gesamte Essay.

Gleichzeitig kritisiert sie den Begriff „TERF“ als „coined by trans activists“ (Rowling 2020) und nennt Statistiken zur Anzahl trans*-identer Personen in Großbritannien:

„Most people probably aren’t aware – I certainly wasn’t, until I started researching this issue properly – that ten years ago, the majority of people wanting to transition to the opposite sex were male. That ratio has now reversed. The UK has experiened a 4400% increase in girls being referred for transitioning treatment. Autistic girls are hugely overrepresented in their numbers.“ (Rowling 2020)

Warum werden zunächst nur biologisch männliche Personen benannt? Welche Intention steht hinter der Formulierung „the ratio has now reversed“? Warum wird das prozentuale Wachstum von 4.400 % ohne Zitation genannt, statt der absoluten Zahlen von 32 Personen im Jahr 2010 zu 1.740 im Jahr 2019 (vgl. NHS 2019) – einem Zuwachs der deutlich geringer klingt und wahrscheinlich mit wachsendem gesellschaftlichen Bewusstsein für die Thematik zusammenhängt? Warum ist der Fokus auf der aktiven Verweisung durch Ärzt*innen, statt der Geschlechtssuche der betroffenen Kinder? Warum werden zuletzt speziell autistische Kinder benannt, obwohl dies im gesamten Essay bis dahin kein Aspekt war?

Allein die Formulierung dieses Zitats lässt anmuten, dass Rowling „Trans*-Aktivistin“ und Trans*-Identität, aber auch sympathisierende Ärzt*innen als eine zunehmend größere Gefahr wahrnimmt, besonders für biologisch weibliche Personen. Trans*-Identität sei somit wieder extern beeinflusst und Rowlings Verständnis zeigt sich auch in ihrer Beschreibung ihrer eigenen Jugend, in der sie sich „mentally sexless“ (Rowling 2020) fühlte und klassische Weiblichkeit teils unangenehm wahrnahm:

„As I didn’t have a realistic possibility of becoming a man back in the 1980s, it had to be books and music that got me through both my mental health issues and the sexualised scrutiny and judgement that sets so many girls to war against their bodies in their teens. Fortunately for me, I found my own sense of otherness, and my ambivalence about being a woman […] in spite of everything a sexist world tries to throw at the female-bodied […].“ (Rowling 2020)

Die von TERFs beliebte und bereits benannte Argumentationskette in Hinblick auf den Schutzraum “Frauentoilette” ist ebenfalls präsent in Rowlings Essay, doch sollte die Ausführung für diese Arbeit genügen, um zu zeigen, inwiefern das Missverständnis und regelrechte Feindseligkeit gegenüber Trans*-Personen durch die Popkultur der letzten Jahre bekräftigt wurde.

Fazit

Sprache ist mächtig. Wenn ich mir Rowlings Essay durchlese, glaube ich viel Schmerz, aber auch Empathie herauszulesen und den Wunsch, dass es allen Menschen gut geht. Ich glaube aber auch, dass es ihr ihre persönliche Erfahrung (besonders auch als Überlebende sexueller Gewalt) zusammen mit der präsenten negativen Präsentation von Cross-Dressing und Trans*-Identität erschweren, sich in die Position der Trans*-Gemeinde zu versetzen – losgelöst von den Stereotypen und nicht als Gefahr. Ich glaube außerdem, dass sie wahrscheinlich nicht zu so einem extremen ideologischen Punkt gekommen wäre, wenn die filmische Unterstützung ihrer Sorgen nicht so existiert hätte.

Repräsentation alleine ist natürlich nur ein Teil, der zu einer diskriminierungsfreieren Welt beitragen kann, wird jedoch aus meiner Perspektive häufig unterschätzt. Inwiefern dies negativ geschehen kann, habe ich hiermit hoffentlich gezeigt. In der jungen Vergangenheit gibt es glücklicherweise häufiger Beispiele[10] von Trans*-Personen in Film und Fernsehen, die als versatile Menschen dargestellt werden und auch häufiger Personen des öffentlichen Lebens, wie Laverne Cox oder Elliot Page, die ein vielfältigeres Bild zeichnen und für mehr Verständnis durch Repräsentation sorgen.


[1] Da die Trans*-Identität in den Bereich des Geschlechts bzw. der Geschlechteridentität fällt, ist der Begriff „Transsexualität“ veraltet und steht teils in der Kritik, da bei jener Benutzung der Eindruck entstehen könnte, die Trans*-Identität hätte (zwangsläufig) mit der sexuellen Orientierung zu tun (vgl. Vetter 2010: 32-33).

[2] Hiermit gemeint ist höchstwahrscheinlich das biologische Geschlecht, welches von der Ges-chlechtsidentität bzw. dem sozialen Geschlecht abzugrenzen ist und dessen Bezeichnung als „ei-genes Geschlecht“ von der Autorin stark kritisiert wird.

[3] Auch diese absolutierende Aussage wird von der Autorin kritisch betrachtet, da Trans*-Identität außerhalb des explizit pathologischen Feldes eine Selbstbezeichnung ist und nicht zwangsläufig medizinische Eingriffe erfordert.

[4] Siehe hierzu auch die „erarbeitete Identität“ queerer Personen im Vergleich zu cis-heterosexuellen Personen nach Timmermanns (2017: Straight and gay – Anforderungen und Schwierigkeiten in Bezug auf Homosexualität in der männlichen Identitätsfindung. In: Stiftung Männergesundheit (Hrsg.) (2017): Sexualität von Männern. Dritter Deutscher Männergesundheitsbericht. Gießen: Psychosozial-Verlag) auf Basis Marcias Modell der Identitätsstatus (1966: Development and Validation of Ego-Identity Status. In: Journal of Personality and Social Psychology, 1966, Vol. 3, Nr. 5, S. 551-558.).

[5] vgl. u.a. ICD-10 F64.0 “Transsexualismus”, F64.1 “Transvestitismus unter Beibehaltung beider Geschlechtsrollen”, F64.2 “Störung der Geschlechtsidentität im Kindesalter”, etc.

[6] vgl. u.a. ICD-10 F65.1 “Transvestitischer Fetischismus”

[7] d.h. schlicht „das Tragen von Kleidung, Schmuck u.Ä. des anderen Geschlechts“ (Dudenredaktion o.J.)

[8] Ellis führt Beispiele an wie 1991 „Lieblingsfeinde – Eine Seifenoper“, 1992 „The Crying Game“, 1994 „Die nackte Kanone 33⅓“, 1994 „Ace Ventura – Ein tierischer Detektiv“; im 21. Jahrhundert u.a. 2005 „Jungfrau (40), männlich, sucht …“, 2011 „Hangover 2“ (vgl. Ellis 2021: 26‘50“ – 34‘46“)

[9] Dies aufgrund ihrer Unterstützung von Maya Forstater, deren Arbeitsvertrag nach mutmaßlich transphoben Äußerungen auf Twitter nicht verlängert wurde – in den Medien wurde stattdessen häufig fälschlicherweise berichtet, Forstater hätte ihren Job „verloren“ (vgl. BBC.com 2019). Jene missgünstige Formulierung wählt auch Rowling in ihrem Essay (vgl. Rowling 2020).

[10] u.a. Hedwig in „Hedwig and the Angry Inch (2001), Sophia in „Orange is the new Black“ (2013-2019), Nomi in „Sense8“ (2015-2018), Syd in „One Day at a Time“ (2017-2020), Jules in „Euphoria“ (seit 2019)

Ein Komposthaufen für Ideen [Gastbeitrag]


Warum unstrukturierte Notizbücher ein Schlüssel zur Inspiration sein können

Ein Stapel mehrere Notizbücher vor grauem Hintergrund

Ich muss ungefähr 13 Jahre alt gewesen sein, als ich angefangen habe, Gedanken und Beobachtungen in Notizbücher jeder Form und Farbe zu schreiben. Buchstaben waren schon früh mein Weg, mir die Welt zu erschließen. Deshalb ist es kein Wunder, dass ich heute einen Beruf ausübe, in dem Worte die Hauptrolle spielen. Ich bin PR-Beraterin bei Tag und Autorin bei Nacht. Obwohl ich mein Geld damit verdiene, Kommunikation zu gestalten, wäre ich viel lieber Schriftstellerin.

Egal ob Broterwerb oder Autorin in the making: In beiden Rollen brauche ich Kreativität. Bekanntermaßen kann man die aber nicht ein- und ausschalten wie einen Lichtschalter.

Manchmal ist zwar klar, wohin ein Gedankengang soll, aber die Worte bleiben doch im Stift stecken. Für Schreibblockaden oder Probleme bei der Ideenfindung gibt es tausende von Lösungen – von der klassischen Mindmap bis zu modernen Design Thinking Methoden – aber für mich tut es oft mein einfacher Komposthaufen.

Gedanken, Zitate und Beobachtungen für später eintuppern

Die Welt beobachten und ein Gefühl dafür zu entwickeln, wie Menschen funktionieren, ist eine wichtige Grundlage sowohl für Kommunikation als auch fürs Schreiben. Für mich gehört dieses Beobachten so fest zu meiner Identität wie meine Liebe zum Geschichtenerzählen. Schon früh habe ich deshalb angefangen, Äußerungen von Menschen – egal ob im realen Leben oder in Fiktion – für mich zu sammeln. Ich besitze Notizbücher voller Zitate aus Songs, Büchern, Serien und Filmen. Mit Dialogen, die ich im Freundeskreis geführt oder bei Fremden aufgeschnappt habe. In diesen unstrukturierten Aufzeichnungen finden sich außerdem plötzliche Gedankenblitze: Von Ideen für mein aktuelles Romanprojekt über einzelne Sätze für Dialoge im Manuskript und unstrukturierte Gedanken bis hin zu Ansätzen für mögliche Plots kommender Projekte. Alles, was mich in Worten bewegt, findet in diesen Notizbüchern Platz.

Ich hebe mir meine Gedanken und Beobachtungen quasi „für später“ auf. Es ist keine Seltenheit, dass einer meiner Charaktere irgendwann einen Satz sagt, den ich Monate oder sogar Jahre zuvor in anderem Zusammenhang notiert habe. Deshalb sind meine Notizbücher auch mein stetiger Begleiter. Ich trage sie meist überall mit mir herum und sprinte morgens auch schon mal zum Schreibtisch, um einen kruden Traum darin festzuhalten.

Auf dem Komposthaufen vermischt sich erfolgreich, was nicht zusammengehört

Das Konzept des sogenannten „Compost Heap“ hatte bei mir lange keinen Namen, bis ich mir eine Schreib-Masterclass von Neil Gaiman anhörte. Der berühmte Fantasy-Autor nutzt seine Notizbücher auch in einer solchen Form und bezeichnet sie als seinen „Komposthaufen“. Er schreibt sich Beobachtungen und Dinge, die ihn inspirieren, auf, um später durch die Bücher blättern zu können, wenn es mal an Ideen mangelt.

Dazu sind solche Notizbücher Gold wert: Als eine Sammlung von Inspiration, die den Geist anstupsen kann, wenn er nicht in Schwung kommen will. Und manchmal stehen da ein Zitat aus einer Serie und eine Beobachtung von Menschen im Supermarkt nebeneinander, irgendein Zahnrad rastet ein, und die Ideen-Glühbirne im Hirn springt an.

Bei dieser Methode gibt es keine Regeln, keine Zensur. Jemand in einer Serie sagt etwas, wozu man nur heftig nicken kann? Ein Tweet trifft ins Schwarze? Die beste Freundin macht einen guten Witz? Eine winzige Idee für einen Roman oder einen Blogbeitrag oder was auch immer schwirrt durch die Synapsen? Rein damit ins Notizbuch! Ohne Struktur, ohne Gliederung, einfach aufs Papier gebannt.

Wenn man später durch die Bücher blättert, offenbart sich dann meist doch eine Struktur. Weil ein Gedanke eben oft zum anderen führt und unterbewusst eine Idee ausbrütet.

Regelmäßig Gedankenmüll rausbringen und auf guten Dünger hoffen

Allerdings kann man sich auch den Gefallen tun, ein bisschen Regelmäßigkeit in sein Kompostieren zu bringen. Ich zum Beispiel schreibe regelmäßig meine im Kindle markierten Stellen in Büchern, die ich gelesen habe, in einer „Book-Quote“ – Liste runter. Wenn ich eine Serie zu Ende gesehen habe, google ich mir die Zitate meiner Lieblingsstellen zusammen oder schreibe mir kurz auf, warum die Serie für mich gut funktioniert hat.

Aufgeschlagenes Notizbuch mit Zitaten aus Büchern
Einblick in eines meiner Komposthaufen-Notizbücher.

Diese Form des ritualisierten Reflektierens hilft nicht nur der Kreativität und Inspiration. Es ist auch in stürmischen Zeiten eine schöne Form von Hirnwellness. Selbst wenn man keine Autoren-Aspirationen hat, kann die Technik also Sinn machen.

Compost Heap Notizbücher zu führen, bedeutet Gedankenmüll rausbringen und darauf warten, dass Ideendünger daraus wird.


Die Gastautorin ist PR-Beraterin und Autorin tätig. Sie bloggt u.a. unter dem Pseudonym Time Drop auf Instagram.

Meine aktuellen Top 5 Podcasts

Nach 14 Monaten im Coronawahnsinn kann der heißgeliebte Netflix-Account keine Befriedigung mehr geben und auch Disney+ hat mich eher enttäuscht. Also musste eine neue Beschäftigung in der Lockdownlangeweile her: Podcasts! Zum Glück gibt es hier eine breite Auswahl zu allen möglichen Themen. Hier meine kleine Auswahl von fünf Podcasts. 

Meine Top 5 Podcasts!

The Real World 

Einmal die Woche höre ich „The Real Word“. Der Podcast wird von der Welt am Sonntag produziert und dreht sich um Liebe, Sex und Mode. Mode ist dabei wohl eher mit „aktuelle Trends in allen Bereichen“ zu übersetzen. Zwei sympathische Redakteurinnen unterhalten sich, gefühlt ungeschnitten, ca. vierzig bis sechzig Minuten und lassen dabei tatsächlich kaum ein Lifestyle-Thema aus. In den letzten Folgen ging es so um die Dokumentation „Framing Britney Spears“ auf Amazon, wie man ein faires Business aufbaut (im Gespräch mit Sara Nuru) oder wie sehr man in einer Beziehung an sich arbeiten sollte. 

Der Podcast ist sicherlich für alle interessant, die seit ihrer Pandemie auf ihre Mädelsabende verzichten (müssen) und Interesse an vielseitigen Themen, abseits von Corona, haben. 

Smarter Leben 

Dieser vom Spiegel herausgegebene Podcast dreht sich um Ideen für ein besseres Leben und wie man sie im Alltag umsetzt. Dabei wird jede Woche ein Fachexperte in einem interessanten Gespräch zu smarten Fragen interviewt. Auch hier ist die Themenauswahl vielseitig. Von Kleingärtnerei, über Micro Habits, Zeitmanagement und Ernährungsfragen wird hier praktisch alles thematisiert, was auch nur im Entferntesten mit Lebensführung zu tun hat – ohne dabei langweilig zu werden. Zeitlich passt der Podcast perfekt in eine Fahrt ins Büro (20-30 Minuten). 

„Smarter Leben“ ist ein informativer Podcast für alle, die auch in der Pandemie neuen Input für ihren Alltag brauchen oder sich einfach informieren möchten.  

Die Schaulustigen 

Geben wir es doch mal zu: Seit wir im April 2020 in den ersten Lockdown geschickt wurden, haben wir Netflix & Co leer geguckt. Der Spiegel meinte neulich sogar, wir sollten wieder ins analoge Fernsehen wechseln und lieber Fußball und Markus Lanz gucken. So verzweifelt, dass ich tatsächlich Markus Lanz gucke, bin ich dann doch nicht. Lieber höre ich Sophie Passmann und Matthias Kalle zu, wie sie über die Fernseh- und Streaming-Landschaft bewerten. Dabei gibt es immer wieder interessante Tipps und Denkanstöße. Oder habt ihr euch schon gefragt, wieso es „ironisches Fernsehen“ gar nicht gibt… bzw. was das überhaupt sein soll? 

Zeit: Verbrechen

Heutzutage kommt man an True Crime einfach nicht mehr vorbei. Verständlich! Warum sollte man sich immer auf literarische oder cineastische Mordfälle freuen, wenn das echte Leben die abscheulichsten (und somit besten) Kriminalgeschichten schreibt! Wer allerdings lieber mehr über die Hintergründe, die Erfahrungen von Kriminaljournalisten und ihre spannendsten Fälle wissen will, ist hier richtig. 

Seite an Seite 

Wie vermisse ich es, einfach so in eine Buchhandlung zu schlendern und ungestört stundenlang zwischen gut gefüllten Bücherregalen zu stöbern! Gerade bei kleineren Buchhandlungen kam man da noch gut mit den Buchhändlern ins Gespräch und erfuhr von kleinen Schätzen, die nicht für große Marketingkampagnen ausgewählt wurden. Für eine kleine Abhilfe hierfür sorgt der Podcast Seite an Seite. Zwei Buchhändler sprechen über aktuelle Neuerscheinungen und geben Lesetipps. Allerdings ist der Podcast von Hugendubel gesponsert und so weiß ich nicht genau, wie unvoreingenommen die Buchtipps sind. Außerdem gab es schon lange keine neue Folge mehr.

Eure Favoriten? 

Hört ihr auch Podcasts? Was sind eure Favoriten? Dank des Lockdowns und der Ausgangsbeschränkungen habe ich genügend Zeit für interessanten Hörstoff und bin immer auf der Suche nach neuen Suchtmitteln. 

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Das digitale Semester: Aus Sicht eines Dozenten – Teil II [Gastbeitrag]

Nachdem bereits mehrfach wurde an dieser Stelle schon über das digitale Semester aus Sicht der Studierenden berichtet wurde, schrieb im letzten Beitrag „Das digitale Semester: Aus Sicht eines Dozenten – Teil I“ ein Dozent über seine herausfordernde Situation. Einige Dinge blieben ungelöst: Wie kann Gruppenarbeit organisiert werden? Wieviel „Eigeninitiative“ kann angesichts technischer Hürden erwartet werden? Welche Stoffmenge ist angemessen? Wie ist und bleibt eine Videokonferenz „interessant“? Diese Punkte sollen nun näher betrachtet werden:


Das digitale Semester: Aus Sicht eines Dozenten – Teil II [Gastbeitrag:]

Während sich mein letzter Beitrag um die Rahmenbedingungen der digitalen Lehre drehte, möchte ich mich im Folgenden um den Inhalt der Lehrveranstaltungen und die Probleme im Remote Unterricht.

Die Studierenden

Würden Sie sich jeden Tag graue Kacheln in Ihrem Arbeitszimmer anschauen wollen? Oder mit Ihnen reden? Nein? Warum ist das ausgerechnet bei Studierenden in Lehrveranstaltungen so populär?

Verstehen Sie mich nicht falsch, ausgehend von meinen Überlegungen zum Hintergrund kann es gute Gründe geben, die Kamera nicht immer anzuschalten. Ich finde aber, eine Lehrveranstaltung ist eine Art institutionalisierte Form des Feedback-Gebens. Meist von der Lehrperson an die Lernenden, aber auch die Lernenden untereinander oder diese gegenüber der Lehrperson. Das Ausschalten der Kamera ist dabei die Botschaft: Ich möchte kein Feedback erhalten und auch keines geben. Ich möchte berieselt werden.

Lernen, vor allem, wenn es Spaß machen soll, kann aber kein „Berieseln“ sein. „Berieseln“ geht als Hintergrundgeräusch, wenn ich mehrere Sachen gleichzeitig machen will – Bügeln und Netflixen zum Beispiel. Wer etwas lernen will, dessen Konzentration sollte auch nahezu ungeteilt der Beschäftigung mit dem Lernstoff gelten. Als Lehrperson vermag dieser Schluss niemals zwingend zu ziehen sein (dass also aus der ausgeschalteten Kamera mangelndes Interesse an der Veranstaltung folgt), trotzdem verbleibt immer ein etwas schales Gefühl.

Mein Appell daher an alle Studierenden: Schalten Sie gerne wieder einmal die Kamera ein. Ich persönlich zwinge dazu niemanden, bettle aber auch nicht darum. Es tut gut, neben der sozialen Isolation wieder einmal in bekannte Gesichter zu blicken. Oder auch zu beobachten, wie die Katze sich gerade über die Tastatur hermacht…

Schlussendlich geht es um die Lernenden und deren Lernerfolg. Angesichts dessen verwundert auch einen erfahrenen Dozierenden wie mich die Stille manchmal.

Ernährung

Ich habe meine Ernährung an Veranstaltungstagen auf Obstsalat umgestellt. Dieser besteht vollständig aus Trauben. Die fermentiert sind…

Naja, ganz so schlimm ist das Daydrinking nicht, aber Klausuren sollen ja auch korrigiert werden 😉 Ein Getränk in der Veranstaltung zu haben ist aber definitiv Pflicht – ich bevorzuge Kaffee und Wasser. Knuspern ist nur bei ausgeschaltetem Mikro erlaubt.

A propos Klausuren…

Der digitale Leistungsnachweis

Es ist wahrlich erschreckend, welche Gleichgültigkeit seitens der Organisatoren bezüglich Leistungsnachweisen an den Tag gelegt wird. Vieles wird den Dozierenden überlassen („Die Klausur ist digital, technische Hilfen gibt es nicht, korrigieren müssen Sie eh selber.“) und wenn eine gewisse Infrastruktur an die Hand gegeben wird, ist das nicht viel mehr als ein riesiger Eingriff in die Privatsphäre (Kameras in alle Ecken des Raumes? Am Ende gar mit Aufzeichnung? Eine App für die Leistungsbewertung installieren, welches technisch alle anderen Apps blockt und Zugriffe loggt?).

Ich für meinen Teil halte dieses Problem der digitalen (Fern-)Lehre ehrlich gesagt für unlösbar. Ich halte es für wünschenswert, wenn digitale Leistungsnachweise gefordert werden (ich als Dozierender insbesondere keine Handschriften mehr lesen muss) und auch der „Schein“ digital ist (ich also nicht mehr 100 Leistungsnachweise auf Papier unterschreiben muss). Ich denke aber nicht, dass die Prüfung selbst aus der Ferne stattfinden sollte. Selbst diejenigen Institutionen, die nahezu ausschließlich auch zuvor Fernlehre angeboten haben (SGD, Diploma, Fern-Uni Hagen, um nur einige zu nennen), haben auch Stützpunkte, in denen Klausuren geschrieben werden.

Ich bin ehrlich gesagt weder bereit, meinen Studis diese Gängelei-Apps anzutun, noch Klausuren zu stellen, die derart vollgepackt sind, dass man sie selbst ohne ausgiebigen googlen zeitlich nicht lösen kann. Auch Multiple-Choice oder ähnliche Spielereien halte ich für verfehlt, da die Prüfungsleistung auch eine gewisse Abwägung darstellen sollte. Darüber hinaus will ich das Auswendiglernen von Wissen nicht abprüfen, sondern höchstens das Anwenden. Manchmal auch das Neu-Denken. Oder das Kreative. Oder, oder, oder…

Insgesamt bekomme ich für meine Technik und Herangehensweise viel Lob, vor allem, wenn man sich meine Kolleginnen und Kollegen ansehen würde.

Digitale Lehre – eine einzige Sonnenseite?

Nun klingt das bei mir alles wie die Sonnenseite des digitalen Lehrbetriebs. So manche Lehrinstitute hat die Pandemie aber eiskalt erwischt. Einige haben de facto den Lehrbetrieb eingestellt und lehren das Nötigste, mit vielen Selbstlerneinheiten und kaum Lernstandskontrolle.

Aber wie kann man mit diesen Herausforderungen umgehen?.

Jammern.

Ich kann nicht mehr zählen, wie viele Lehrpersonen ich schon habe jammern hören, wie schlimm das alles sei. Ja, ich vermisse meine Leute auch. Ja, auch ich sehe privat niemanden. Und ja, wenn dieser Unfug vorbei ist, umarme ich jeden einzelnen meiner Teilnehmer persönlich. Okay, so weit werde ich wohl nicht gehen. Trotzdem scheint die Pandemie der kollektiven Reform-Müdigkeit des Lehrbetriebs keinen Garaus gemacht zu haben. Vielmehr scheint vor allem bei etablierten älteren Kolleg*innen die Ansicht vorzuherrschen, dass die Situation ohnehin nur vorübergehend sei. Ich prognostiziere mal frech: Nein, wird es nicht.

Keinerlei Gedanken um Technik oder Didaktik machen

Analog zur Argumentation am Ende versuchen die allermeisten Lehrpersonen, didaktisch genau so zu agieren, wie im Präsenzbetrieb. Überraschung: Das funktioniert so nicht.

Ich gebe zu, dass ich auch aus Unsicherheit darüber, was ich meinen Teilnehmenden so zumuten kann, auf den „Notbetrieb“ Frontalunterricht umschwenkte, und mir erst im Laufe der Zeit Gedanken machte, wie es anstatt sinnvollerweise funktionieren kann. Ich habe dazu die Beteiligten auch in Form einer Lehrevaluation ins Boot geholt und mir viele Ideen abgeschaut. Auch Lehrende sollten sich fort- und weiterbilden.

Null Investitionen

Okay, es muss nicht die High-End-4k-60fps-Superkamera sein, mit der man sich fragen lassen muss, ob man hauptberuflich auf anderen Videoportalen tätig sei. Aber wie körnig kann ein Dozierender aussehen? Wie hohl kann er/sie klingen? Mein Equipment, oder jedenfalls das, was ich speziell für die Fernlehre sinnvollerweise neu gekauft habe und nutze, hat knapp 300 Euro gekostet. Das ist für jemanden, der mit seinen Lehrveranstaltungen Geld verdient, nun wirklich nicht zuviel verlangt. Und meist kann dies ohne Abschreibung über mehrere Jahre von der Steuer abgesetzt werden.

Fazit

Den zweifellos gegebenen Vorteilen der Fernlehre stehen damit einige ganz gravierende Nachteile gegenüber, die nur dann zu lösen sind, wenn sich alle Beteiligten an einem Ziel orientieren:

Die beste Lernmöglichkeit für die Lernenden zu bieten.

Damit zwangsläufig einhergehend dürfte auch die beste Lehrmöglichkeit für die Dozierenden folgen.

Das digitale Semester: Aus Sicht eines Dozenten – Teil I [Gastbeitrag]

Bereits mehrfach wurde an dieser Stelle schon über das digitale Semester geschrieben, allerdings immer nur aus Sicht der Studierenden. Dabei ist es nicht nur für die Studierenden eine herausfordernde Situation, sondern auch für die Dozenten. Daher habe ich meinen Mann, der u.a. als Jura-Dozent tätig ist und ebenfalls seit April 2020 im digitalen Unterricht sitzt, gebeten, seine Sicht der Dinge zu beschreiben:


Das digitale Semester – Aus Sicht eines Dozenten

Es gibt keine „andere Seite“, kein „hinter dem Lehrerpult“, kein „vor den Studierenden stehen“ – Was zur Hölle soll uns Dozierenden denn noch Halt geben?

Nun, eine gewisse Anpassungsfähigkeit sollte von uns Dozierenden wohl erwartet werden. Wir müssen ohnehin in jedem Lehrturnus (sei es das Jahr, das Semester oder irgendein anderer Zeitraum) unsere Materialien und Didaktik neu überprüfen, uns auf neue Veranstaltungen und neue Studierende einstellen, aktivierende Lehrmethoden einbauen und möglichst ohnehin eine möglichst hohe individuelle Lernbegleitung bieten.

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Tadaaa: Sie steht – unsere neue Küche

Die neue Küche steht seit etwas über einer Woche und wir haben es uns so richtig gemütlich gemacht. Ich kann mir gar nicht mehr vorstellen, wie wir es vorher ohne diese Großzügigkeit ausgehalten haben. Obwohl es durchaus riskant war, die neue Küche während eines Lockdowns fast ungesehen zu kaufen, war es wirklich die beste Entscheidung überhaupt und ich bin froh, dass wir diesen Schritt gewagt haben. 

Ein offenes Küchenregal mit Teekanne, Teetasse und einem Kochbuch mit dem Titel "Paris in meiner Küche"
Paris in meiner Küche – zumindest wenn es um köstliche Mahlzeiten geht.
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Verschwenderische Genügsamkeit

Verschwenderische Genügsamkeit. Was für ein Wortpaar. Als ich es das erste Mal gegenüber einem Freund erwähnte, war seine erste Reaktion: Ein Oxymoron.

Das Oxymoron

Von einem Oxymoron spricht man bei einer Zusammenstellung zweier sich widersprechender Begriffe. Wir sind alle schon einmal darüber gestolpert. In der Schule, im Studium, in der Werbung oder, wenn wir eine Bestellung bei unserem Lieblings-Asiaten getätigt haben: „Einmal Hühnchen Süß-Sauer, bitte.“

Und natürlich scheinen auch die Begriffe Verschwenderisch und Genügsamkeit im ersten Moment nicht zusammenzupassen.

Unter Genügsamkeit verstehen viele nicht nur Bescheidenheit, und eine zurückhaltende Verhaltensweise, sondern auch Enthaltsamkeit und den Verzicht auf bestimmten Genuss. Im krassen Kontrast dazu steht die Verschwendung. Gerade in der heutigen Zeit hat dieser Begriff einen negativen Beigeschmack und steht für das leichtfertig und allzu großzügige Verbrauchen von Geld, Sachen und Ressourcen.  Wer einen verschwenderischen Lebensstil pflegt, der lebt überaus reichhaltig und üppig. Also, wie passen diese zwei Begriffe zusammen?

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Nenn mir dein Label – Wohnst du noch oder lebst du schon?

Jeder, der sich auch nur im Entferntesten mit Einrichtung(sstilen) beschäftigt, kam in den letzten Jahren nicht am Minimalismus, Japandi, Skandi, Industrial und Boho vorbei. Auf Instagram, in Einrichtungsshows wie Dreamhouse Makeover bei Netflix und bei Interieur-YouTubern sahen wir schöne, aufgeräumte und minimalistische Wohnungen, die sich lediglich in der Farbauswahl und den Accessoires unterschieden (und manchmal nicht einmal das). Manchmal erwischte ich mich dabei, wie ich durch Instagram scrollte und mich irgendwann fragte, ob ich das Bild nicht schon einmal gesehen habe, weil sich vieles so sehr ähnelte. 

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Schwanger während der Coronakrise [Gastbeitrag]

Hallo ihr Lieben,

das ist jetzt mein 2. Blogeintrag auf zeitistrelativ.com.

Ich habe im Frühjahr letzten Jahres über Möglichkeiten für Dates während der Coronakrise geschrieben und vielleicht den ein oder anderen auch Ideen für Zeit mit dem Partner/der Partnerin gegeben.

Nun möchte ich euch einen Einblick geben, wie es ist schwanger zu sein, während der Coronapandemie.

Was alles fehlt

Zuallererst kann man sagen, es ist definitiv anders. Das fängt schon damit an, dass beim Frauenarzt keine Begleitung mitgebracht werden darf, selbst wenn es der werdende Vater ist. Das ist gerade bei dem ersten Ultraschall, wo man die Herztöne des Babys hören kann, natürlich traurig und schade. Ich kann meinen Mann lediglich davon erzählen, aber das ist nicht dasselbe als mit dabei gewesen zu sein und dieses Wunder selbst miterleben zu können. Gerade es meine erste Schwangerschaft und unser erstes Kind sein wird, ist dies natürlich umso trauriger.

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Repost: März-Challenge: Kampf dem Plastikmüll [mit Gewinnspiel!] — Mini.Me.

Moni von minime.life hat im März zu einer sehr ambitionierten Challenge aufgerufen: Im März reduzieren wir gemeinsam unseren Plastikmüll! Als Anreiz gibt es sogar ein Gewinnspiel. Wer es schafft, im gesamten März den wenigsten Plastikmüll zu produzieren, gewinnt das Buch „Das Plastiksparbuch von Smarticular„.

Ich persönlich halte das für eine großartige Challenge und bin daher sehr gerne dabei! Aber klickt selbst einmal auf ihren Blog!

Auf Instagram läuft seit einigen Wochen eine Storyaktion, in der es um Nachhaltigkeit und Umweltschutz geht. Besonders beeindruckt hat mich vor ein paar Tagen der Beitrag von Plastiksparen. Petra Kress gibt mit ihrer Initiative zur Vermeidung von Plastik im Alltag wertvolle Tipps zur Reduzierung von Plastikmüll und hat im Rahmen der Storyaktion gezeigt, wieviel Plastikmüll…

März-Challenge: Kampf dem Plastikmüll [mit Gewinnspiel!] — Mini.Me.